leadership 7|20
There will be … re-newing
Spreng Executive Business Coaching GmbH | Hans-Joachim Spreng

Otto Scharmer führt seine Theorie U auf ein früh­kind­liches Erlebnis zurück, nach dem für ihn nichts mehr so war wie zuvor. Der Hof seiner Eltern brannte lichter­loh. Und heute: Corona. Nun sind es die Glaubens­sätze der west­lichen Welt, die lichter­loh brennen; Menschen werden, früher sterben, als wir alle er­wartet hatten. Ent­gegen aller Besser­wisse­rei: Niemand hat wirklich Schuld. Oder wenn doch, sind es wir alle.

Mir geht es um die Zu­kunft und eine Hal­tung, die unsere Krea­tivität aus den Fesseln der Angst und Be­fürch­tungen be­freit, und die hilft, uns neu zu er­finden. Was wäre, wenn …? Warum nicht? Wie darf es werden?

Theorie U, von Otto Scharmer am MIT ent­wickelt, schlägt eine mögli­che Hal­tung vor. Die kann als Frak­tal oder wie ein rekursiver Graph in unter­schied­lichsten Ebenen zur An­wen­dung kommen. In der Gesell­schaft, in der Firma, der Familie, für Sie und mich indi­viduell. Wenn ich dieses Modell in der Ver­gangen­heit meinen Kunden vor­stellte, hörte ich immer mal den Kommentar „ist ja wie jedes Verän­derungs­manage­ment“. Dennoch: Hier ein ein­facher, klarer Ge­danke erneut. Weil jetzt die Zeit reif ist.

Cut the download from the past
Lösungen liegen in der Gegen­wart und in der Zukunft; jeder Satz mit „wir hätten das anders ent­schei­den sollen“ führt nicht zum Ziel, ist to­xisch, weil er sich von der Zu­kunft ab­wendet. Das ist kein Vo­tum gegen Reflexion, son­dern ein Hinweis, habitu­elle Auto­matismen zu un­ter­lassen und nicht aus der Ver­gangen­heit heraus eine Inter­aktion zu be­ginnen. In be­wussten „lessons learned“-Meetings schauen wir zurück: analytisch, be­wertend, ab­wägend und blenden für den an­ge­gebe­nen Zeit­raum bewusst und diszi­pliniert die Gegen­wart und Zu­kunft aus. Ein Histori­ker geht mit seiner Rolle in die Ver­gangen­heit, um die Gegen­wart zu ver­stehen. Und nicht, um die Vergangen­heit zu legi­ti­mieren oder sie in die Zu­kunft fort­zu­schreiben. Ver­führen Sie Ihre MitarbeiterInnen, Führungs­kräfte und Mit­menschen dazu, diesen auto­mati­sierten Impuls und den reflex­artigen „download from the past“ zu unter­lassen. Ein ab­ge­brannter elter­licher Hof oder eine Pan­demie laden dazu ein, ma­chen es leichter. Nichts mehr wird wie früher sein – im Übrigen auch ohne diese Krise. Das ist der erste Halte­punkt in diesem Modell. Cut the down­load from the past.

Overcome the demons
Erlauben sie sich selbst, mit Ihrem Um­feld über Ängste und Be­fürchtun­gen zu sprechen. Jeder von uns hat Dinge, die irrational oder rational ver­un­sichern und ängstigen, beson­ders, wenn ge­wohnte Muster weg­brechen. Je zeit­kritischer und ver­antwortungs­voller unsere Auf­gaben, desto eher ver­stecken wir unsere nagende Furcht hinter Auf­gaben und Aktivi­täten. Schreiben Sie ganz alte oder auch neue, aktuelle Ängste auf. Oder – besser noch – sprechen Sie darüber, er­lauben Sie Ihrer Organi­sation, in einem definierten Rahmen darüber zu sprechen. Erlauben Sie sich selbst, ver­drängte Be­fürchtun­gen, die von der Aktivi­tät des Alltags zu­gedeckt sind, anzu­schauen. Sonst, so ver­mute ich, werden diese Ängste in Momenten hoch­kommen, in denen es der Situation am abträg­lichsten sein wird. Be­fürchtungen und Ängste zu ver­stecken ist an­strengend. Und bindet so Unmen­gen an Lebens­energie. Schauen Sie hinein in das, was Sie unbe­dingt ver­meiden müssen, in den Worst Case. Das befreit. Overcome the demons.

Visit the silence of knowing
Wenn jetzt schon keine Reise nach außen möglich ist, dann reisen Sie nach innen. Meditieren Sie, atmen Sie strukturiert und hören Sie durch eine erste Un­sicher­heit hin­durch auf die an­fänglich noch leise Stimme kleiner, innerer Wünsche. Diese Stimme wird immer kräftiger, deutli­cher und klarer werden. Auf­tauchen können alte Träume, noch nicht ge­lebte, ernsthafte und vielleicht neue Lebens­entwürfe. Wenn um uns herum alles laut und ver­wirrend ist oder erscheint, bietet eine Intro­spektion – mit etwas Übung – Orien­tierung und Zen­trierung für die kommende Rich­tung. Wenn innova­tive Teams in beruf­lichen Zu­sam­men­hän­gen keinen Weg sehen, im­mer wieder an einer Stelle hängen bleiben (wie eine Schall­platte, die einen Sprung hat), lehnen Sie sich zurück, de­fokussieren Sie und ver­trauen Sie auf intui­tive, neue Wege. Meditation kann ein Schlüssel zu al­ten Fähig­keiten sein; zu hand­werkli­chem, repetitivem, musischem Tun. Jeder von uns war mal mutig, neu­gierig, zu­packend und opti­mistisch mit Energie. Visit the silence of kno­wing.

Energize the rapid result prototyping
Stellen Sie sich Ihren alten  – nun neuen – frei­ge­legten Wün­schen und Zielen, setzen Sie kleine, robuste Schritte und über­prüfen Sie schnell und kontinuierlich Ihre Probe­hand­lungen. Nutzen Sie die Idee der 30-Tage-Methode. Ein Bei­spiel: „Ich wollte immer ein Buch schreiben“. Halten Sie das 30 Tage durch. Und egal, ob es jemand liest, oder ob es gar ver­öffent­licht wird: Sie haben Ihr Buch ge­schrieben. Dann beobachten Sie Ihr Wohl­befinden mit dem Er­gebnis. 30 Tage ist ein über­schau­bar langer Zeit­raum, um ein Gefühl zu ent­wickeln, ob es passt; ob es mehr oder weniger sein/werden soll. Wenn nicht, dann darf es etwas ganz anderes sein. Lassen Sie sich 7|20 nicht von der Ewig­keits­hybris den Mut nehmen. Selbst Sisyphos dürfen wir uns als glück­lich vor­stellen (so Camus, der auch „Die Pest“ ge­schrie­ben hat). Wir werden jeden Tag schlauer und können den Prozess neu kali­brieren. Energize the rapid result prototyping.

Re-new
Wenn Sie diese Schritte durch­gehen, diese wie im kind­lichen Spiel ernst, tief, wieder­holt und be­geistert durch­spielen, werden Sie im All­tag für sich und für andere innovativ, zu­ge­wandt, konstruktiv und lösungs­orien­tiert sein. Und sich selbst so er­leben: Revitali­siert, anders, neu. Das Neue wird näher an dem sein, was Sie sein wollen, näher an Ihren Wün­schen und Träumen liegen. Selbst wenn wir dieses im Moment noch nicht leben, sind diese persön­lichen oder beruf­lichen Linien frei­gelegt, wie in der Archäo­logie. Tief im Bo­den ver­wurzelt, wie See­gras flexibel in der Krone, haben wir Freude an un­serer neuen, eigenen wie ge­sell­schaft­lichen Selbst­wirksamkeit. Re-new.

Dieser Text ist der momentanen Pan­demie gewidmet und ge­schuldet, den Herren Scharmer, Maturana, Heisen­berg und der Ge­danken­welt, in der wir leben. Rufen Sie uns an in „physical distancing and social proximity“.